Schweigen

von Dieter Mittelsten Scheid, Dr.med., Psychotherapeut, Atemtherapeut
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Es ist still. Die Gegenwart ist da. Sie nimmt mich wahr; ich nehme sie wahr. Sie und ich verschmelzen miteinander. Es ist, was ist. Sein, Tun und Wahrnehmen werden eins. Die Nat√ľrlichkeit des Lebens spielt sich selbst. Das Licht mit seinen Reflektionen und Schatten, die tanzenden Bewegungen der Bl√§tter und das Schwingen des hohen Halms im h√∂rbaren Wind. Die von Wasserl√§ufern erzeugten Wellenkreise breiten sich aus, und ihre Schatten laufen √ľber den Grund.
Nicht zu reden bewirkt eine grundlegende Verwandlung, eine qualitative Veränderung im Gewahrsein und in der Achtsamkeit. Der Fokus verschiebt sich vom Verbalen zum Unmitttelbaren. Zu schweigen ist eine Einladung, alles in sich einzulassen, was nicht aus Worten besteht. Ein unbekanntes Land tut sich auf. Eine Wirklichkeit , die aus sich selbst wirklich ist, ohne eine definierbare Bedeutung zu haben.
Ankommen ist alles,

ankommen hier. Alles, was jemals war, hat seinen Platz hier. Alles, was ist, hat seinen Platz hier. Selbst das Ich mit seinen verschlungenen Bewegungen ist ganz und gar aufgehoben hier. Weder richtig noch falsch, weder gut noch schlecht haben Bedeutung oder einen Sinn. Selbstverständlich ist alles, wie der Gesang der Vögel und die sich wandelnden vobeiziehenden Wolken. Nichts mehr, nichts weniger, und doch nichts dem anderen gleich.
Wenn die Augen sich schliessen, beginnt die Reise nach innen. Die Ger√§usche aussen, die Bewegung des Atems innen. Die Haut, der Duft, das Sp√ľren im K√∂rper. Sich sinken lassen in all dies. ‚Äď Und aus diesem Eintauchen in das direkte Empfinden darauf achten, wie sich und was das Denken bewegt. Das Denken ist eine eigene Welt, eine eigene Wirklichkeit aus Gef√ľhlen, Erinnerungen, Bildern und Ich. Schweigend dem Gedankenfluss zuschauen und erstaunt bemerken: Ich, den ich kenne, bestehe aus Denken; ohne Denken gibt es mein definiertes Ich nicht. Statt einer pers√∂nlichen Identit√§t erf√ľllt das direkte Empfinden zu sein den wortlosen Raum.
Welche Befreiung, nichts erkl√§ren zu m√ľssen! Niemand f√ľllt mich mit Geschichten, und ohne die Geschichten der anderen wird auch meine Geschichte bezugslos. Ich kann sie erz√§hlen, ich kann sie vergessen, niemand bemerkt es, denn das Publikum bin ich.¬† Ich schaue mir zu, wie ich¬† mich beschreibe und wie die Beschreibung meine Gef√ľhle und meine Absichten erzeugt. Alle meine Fragen werden sichtbar im Spiegel, und die Frage ist der Frage Antwort zugleich.
Jetzt, in der Stille, wird die Stille bewusst. Sie f√§llt in sich selbst hinein und verstummt im Lauschen auf den stillen, tiefen Gesang. Er fliesst dahin und tr√§gt alles in sich. Unbekannt ist das Neue, unbekannt ist das Jetzt. Alles, was ich √ľber mich weiss, wird still in der Stille. Ich bin unbekannt. Ich erscheine jeden Moment neu. Nichts gibt es zu sagen, das bedeutungsvoller w√§re als das, was gerade geschieht.¬† Es geschieht als das Einzige, was geschieht, und es tr√§gt alles was ist und alles, was m√∂glich ist, in sich. Deshalb ist es vollkommen.
Warum schweigen, in einer Wirklichkeit und einer Umgebung aus Worten, die unsere allt√§gliche Welt bestimmen und gestalten? Warum das Gewohnte verlassen, in dem wir h√§uslich eingerichtet wurden? Warum uns im Stillsein fragen, wer wir wirklich sind? ‚ÄďBrauchen wir nicht Worte und Identit√§t, um zu funktionieren und zu √ľberleben? Geraten wir nicht in eine Absonderung und Aussenseiterposition, wenn wir einmal aufh√∂ren zu reden? Verlieren wir nicht den notwendigen Kontakt zu unserer Lebensrealit√§t? ‚Äď All dies k√∂nnten wir bef√ľrchten, wenn wir die Erfahrung des Schweigens nicht kennen.
Doch auch unser Alltag findet immer im Raum der Gegenwart statt, dessen Grundqualit√§ten Stille, Lebendigkeit und alles annehmendes Fliessen sind. Unsere pers√∂nlichen Geschichten und Erlebnisse f√ľhlen sich tagt√§glich nur deshalb wirklich an, weil wir immer jetzt atmen und dadurch mit allem Gegenw√§rtigen verbunden sind. Doch ist uns das so selbstverst√§ndlich geworden, das wir das Leben selbst in unserem pers√∂nlichen Tun kaum noch sp√ľren. Unser Ich, unsere Familie, unsere Arbeit und die Geschehnisse der Welt, wie sie uns √ľber die Medien vermittelt werden, beherrschen unser Bewusstsein. Doch schon bald, wenn wir einmal schweigend durch uns hindurch in die Gegenwart lauschen, – und das k√∂nnen wir √ľberall und jederzeit tun ‚Äď kommen wir im Jetzt an und werden sogleich verwandelt.
Mich einlassen, mich lassen. Welche Wohltat nach all dem besch√§ftigten und mechanischen Funktionieren! Welch eine Erholung in meinem lustbezogenen Getriebensein, meinen Konflikten, meiner inneren Verwirrung und meinem gesellschaftlichen Stress! Zu bemerken, wieviel ich st√§ndig tue, um irgendwo hinzukommen, wo ich nicht bin. Ich vergesse die Gegenwart und arbeite angestrengt f√ľr etwas, das ich mir in der Zukunft ertr√§ume. Ich vergesse die Gegenwart und leide an alten Verletzungen oder Verfehlungen, die ich aus der Erinnerung immer wieder erneut erzeuge. Ich bin mit meinem Selbstbild besch√§ftigt und vergesse das Empfinden zu sein.
Das Empfinden zu sein ist sicherlich das kostbarste Geschenk des Lebens. Sein, atmen, sp√ľren, lauschen, f√ľhlen, verschmelzen. Ganz unmittelbar in die Wahrnehmung eintauchen, in dieses unbegreifliche Geschehen, das jetzt gerade ist. Aufh√∂ren die oder der Tuende zu sein und sich ganz dem √ľberlassen, das von selbst geschieht.
Gemeinsam √ľber l√§ngere Zeit mit anderen zu schweigen, ist dann eine besondere Erfahrung. Wir wissen fast nichts voneinander. Wir begegnen und ber√ľhren einander wortlos, √ľber die Augen, die Mimik, die Gesten, unsere Art uns zu bewegen, unsere Ausstrahlung. Was wir √ľbereinander denken und wo sich unsere Ansichten treffen oder widersprechen bleibt verborgen. Doch wir sp√ľren eine grosse Gemeinsamkeit, wir f√ľhlen uns verbunden, denn wir sind zusammen da. Im Sosein jedes einzelnen wird ganz von selbst etwas unhinterfragbar Stimmiges und Einmaliges sichtbar, eine eigene Sch√∂nheit, die unmittelbar liebenswert ist.
Oder aber irgendwo f√ľr sich allein einige Tage in die Stille lauschen. Das pausenlose innere Gespr√§ch verstummen lassen. Ohne Worte den Augenblick sp√ľren und Einswerden mit dem, das gerade ist. Es gibt nichts zu tun, zu erf√ľllen oder zu beweisen. Kein Sollen, kein Wollen, kein Werten, kein Wehren. Einfach so, einfach jetzt. Im Hintergrund l√§uft noch immer der Film meiner bekannten Welt. Er geh√∂rt dazu, aber er ist nicht wesentlich, auch wenn er meistens so tut als ob. Wesentlich ist die direkte Erfahrung, dass es nicht bedrohlich ist, Gesicht oder Bedeutung zu verlieren, sondern zutiefst erholsam und unmittelbar belebend und st√§rkend.
Schweigen schenkt uns die Zeit, alle Sinne zu √∂ffnen und von einem Raum des bewussten Gewahrseins aufgenommen zu werden. Alle Denkinhalte werden relativiert; alle Konzepte, Ideologien und alle Selbstwichtigkeit werden fragw√ľrdig und √ľberfl√ľssig. Das Lebendige selbst birgt alle Kostbarkeit in sich. Licht spielt auf den silbrigen Olivenzweigen, Insekten und V√∂gel machen Musik, die leuchtenden Mohnblumen zwischen den Haferhalmen am Wiesenrand werden schwebend bewegt. Die Stille in der Tiefe des Lebendigen wird nach und nach h√∂rbar. Sich ihr anvertrauen, sich von ihr tragen lassen in einem bedingungslosen Ja. In der Stille der Stille zu Hause sein. Das Gehirn wird durchzogen von einer unbekannten Frische, die alles l√∂st und alles verbindet. Es gibt nichts mehr zu sagen‚Ķ
Warum f√§llt uns das so schwer? Warum g√∂nnen wir uns so selten Zeiten des Schweigens und der Stille, mit ihrer heilsamen Kraft, ihrer ber√ľhrenden und kl√§renden Wirklichkeit und ihren kreativen Anregungen? Was treibt uns durchs Leben, von einem Gespr√§ch zu dem n√§chsten, von einer T√§tigkeit zur anderen, von einem oberfl√§chlichen Vergn√ľgen zum n√§chsten? Was bewegt uns im Leben, von dem wir meinen, dass es wichtiger ist als das Leben selbst? – Ist es, dass wir unter dem Zwang, unseren Lebensunterhalt zu verdienen, unserer Familie zu gen√ľgen und ein wenig Freizeitabwechslung zu finden, das Andere, das unmittelbar Gegenw√§rtige nicht mehr sp√ľren oder kennen, und es vielleicht sogar vergessen haben? Ist es, dass wir Scheu oder Angst davor haben, eine H√ľrde zu nehmen oder vielleicht eine Krise durchzustehen, um endlich einmal innezuhalten und darauf zu achten, was nicht aus Worten und nicht aus Ich¬† besteht? Ist es, dass wir durch unsere Erziehung und den st√§ndigen Einfluss der Gesellschaft und der Medien das Wichtigste im Leben verlernt haben: die F√§higkeit im Sein zu sein?
Wir alle k√∂nnen uns jederzeit daf√ľr entscheiden, dieses Wesentliche, das unser Wesen ausmacht, neu zu entdecken und zu ergr√ľnden. Es gen√ľgt, daf√ľr im Terminkalender einfach eine bestimmte Zeit freizulassen. In dieser Zeit schweige ich und gehe in die Stille. Ich kann es alleine tun oder in einer Gruppe. Das einzig Wichtige ist, dass ich mich ohne Aufgaben, Verpflichtungen oder Ablenkungen dem Unmittelbaren zuwende. Erst erlebe ich es noch getrennt von mir, und meine Aufmerksamkeit ist noch von meinen Lebensinhalten, Erinnerungen und Pl√§nen absorbiert. Ich mag mich langweilen oder mich sogar von der strukturlosen Unt√§tigkeit und Leere bedroht f√ľhlen. Vielleicht f√§ngt mein Denken auch an, sich immer schneller im Kreis zu bewegen und mir die Illusion einzureden, dass ich in diesem schweigenden Raum sicherlich bald verr√ľckt werde.
Doch nach und nach weitet sich mein Blick, und ich sp√ľre, dass es etwas gibt, das ganz unber√ľhrt ist von meiner Welt mit ihren Gedanken und Gef√ľhlen, und dass dieses Etwas mich einl√§dt, hineinzugehen und es kennenzulernen. Wie von selbst wird dann auf einmal alles anders. Ich vergesse mich mehr und mehr und sp√ľre selbstvergessen wie Leben geschieht. Das unbegreifliche Wunder des Lebendigen ist pl√∂tzlich ganz dicht bei mir. Selbst wenn ich kein religi√∂ser Mensch bin, ruft es mich in eine andere Dimension, in etwas ganz und gar Heiles und vielleicht Heiliges. Ich sp√ľre auf einmal, dass das Leben eine best√§ndige Sch√∂pfung ist, und dass jeden Moment alles neu und einmalig erschaffen wird. Ich sp√ľre, wie auch mein eigenes sch√∂pferisches Tun Teil dieser Bewegung ist. – Alles ist friedvoll und harmonisch und von einer unbegreiflichen Sch√∂nheit. Es ergreift mich und l√§sst mich staunen und dem√ľtig werden. Ein unendlicher Raum der Zeitlosigkeit scheint durch alles Erschaffene in seiner Verg√§nglichkeit hindurch, und erinnert mich an die Quelle, aus der wir wohl alle entspringen.
Die R√ľckkehr in den Alltag f√§llt dann oft nicht leicht und ist fast immer erstaunlich. Vieles hat sich ver√§ndert; Werte und Priorit√§ten haben sich wahrscheinlich verschoben. Die Angeh√∂rigen, die Kollegen und die Umwelt werden ein wenig anders wahrgenommen. Oft ist mehr Empfindsamkeit, Verst√§ndnis und Mitgef√ľhl zu sp√ľren, aber auch mehr Betroffenheit. – Doch nach und nach fangen uns der Alltag und das Gewohnte wieder ein, und nur noch selten sp√ľren wir, was uns in der Schweigeerfahrung so kostbar war. Aber ganz geht es nicht mehr verloren, und besonders in schwierigen Lebensphasen ruft es uns. Ein inneres Wissen bleibt bei uns, das Wissen um das Andere, das uns alle verbindet und erh√§lt, das Wissen um die lebendigste Wirklichkeit, das immer neue, fliessende Wunder des Seins.

Dieter Mittelsten Scheid ist seit 25 Jahren Leiter von Schweige- und Bewusstseinsretreats gemeinsam mit seiner Frau Batya Schwartz im eigenen Zentrum in der Toskana. Autor von ‚ÄúStille in einer lauten Welt, im Schweigen sich selbst erfahren‚ÄĚ K√∂sel 2007 und gemeinsam mit Herta Richter ‚ÄúVom Wesen des Atems‚ÄĚ Reichert 2006.

Schweigen in Poci 2009: 19.-28.Juni 09; 18.07.-02.08.09; 14.-25. Aug.09; 03.-13. Sept. 09

Ver√∂ffentlicht in Publik ‚Äď Forum EXTRA, Magazin f√ľr Spiritualit√§t und Lebenskunst, Heft 6 / 08