„noch eine Runde auf dem Karussell“

von Tiziano Terzani

Es gibt verschiedene Arten der Stille, und jede hatte ihre Besonderheiten. Tagsüber bestand die Stille aus dem Gezwitscher der Vögel, Tierrufen und dem Rauschen des Windes, und nie mischten sich die Geräusche darein, die nicht aus der Natur gekommen wären – weder von Motoren noch von Menschen. Nachts hingegen war die Stille ein gleichförmiges, tiefes Dröhnen, das aus den Tiefen der Erde aufstieg, die Mauern durchdrang und alles ausfüllte. Hier oben war die Stille ein Klang. Ein Symbol für die Harmonie der Gegensätze, die ich anstrebte? Meine Ohren hörten absolut nichts, doch dieses Dröhnen war in und um meinen Kopf. Die Stimme Gottes? Sphärenmusik? Während ich lauschte, versuchte ich sie einzuordnen – und konnte mir nur einen riesengroßen Fisch vorstellen, der auf dem Meeresgrund sang. Wundervoll, diese Stille! Und doch versuchen wir modernen Menschen

sie, wo es geht, zu vermeiden, haben fast Angst vor ihr, vielleicht, weil wir sie mit dem Tod gleichsetzen. Wir haben es uns abgewöhnt, still, allein zu sein. Drückt uns ein Problem oder spüren wir, dass uns Verzweiflung überkommt, betäuben wir uns lieber rasch mit irgendeinem Lärm oder mischen uns unter Leute, anstatt uns einen stillen abgeschiedenen Ort zu suchen, innezuhalten und über die Sache nachzudenken. Ein Fehler, denn die Stille ist eine Urerfahrung des Menschen. Ohne Stille kein Wort. Keine Musik. Ohne die Stille kann man nicht hören. Nur in der Stille ist es möglich, wieder in Einklang zu kommen mit sich selbst, die Bindung wiederzufinden zwischen unserem Körper und allem, was jenseits dessen liegt.

aus "Noch eine Runde auf dem Karussell" von Tiziano Terzani